Exkurs
Die Donau Donauwellen

DONAUREISE ~ ~ ~
Fünfzehn Arten, die Donau zu entdecken - Konzerte, Lesungen, Vorträge und Filmabende
zwischen dem 26. Oktober und dem 30. November 2002

Franz Schubert · Johann Baptist Mayrhofer
Auf der Donau

Auf der Wellen Spiegel
schwimmt der Kahn,
Alte Burgen ragen himmelan,
Tannenwälder rauschen geistergleich,
Und das Herz im Busen wird uns weich.

Denn der Menschen Werk' sinken all',
Wo ist Turm, wo Pforte, wo der Wall,
Wo sie selbst, die Starken, erzgeschirmt,
Die in Krieg und Jagden hingestürmt?

Trauriges Gestrüppe wuchert fort,
Während frommer Sage Kraft verdorrt:
Und im kleinen Kahne wird uns bang,
Wellen drohn wie Zeiten Untergang.

  Franz Schubert · Friedrich von Schlegel
Der Fluß

Wie rein Gesang sich windet
Durch wunderbarer Saitenspiele Rauschen,
Er selbst sich wiederfindet,
Wie auch die Weisen tauschen,
daß neu entzückt die Hörer ewig lauschen,

So fließet mir gediegen
Die Silbermasse, schlangengleich gewunden,
Durch Büsche, die sich wiegen
Vom Zauber süß gebunden,
Weil sie im Spiegel neu sich selbst gefunden;

Wo Hügel sich so gerne
Und helle Wolken leise schwankend zeigen,
Wenn fern schon matte Sterne
Aus blauer Tiefe steigen,
Der Sonne trunkne Augen abwärts neigen.

So schimmern alle Wesen
Den Umriß nach im kindlichen Gemüte,
Durch das zur Schönheit erlesen
Durch milder Götter Güte
In dem Kristall bewahrt die flücht'ge Blüte.

Diese beiden Gedichte sollen einen Bogen spannen über die Donaureise der Hugo-Wolf-Akademie. Mayrhofer benennt den Verlust von Tradition, die Vergänglichkeit des menschlichen Tuns, die Orientierungslosigkeit angesichts verlorengegangener Grundüberzeugungen und Werte. Wie die Wellen des ungebändigten Flusses drohen die Zeiten mit Untergang. Das Ende ist offen. Schlegels Gedicht dagegen zeigt nicht die Welt, sondern ihr Bild, ein ideales Bild des ewig Wiederkehrenden, der Schönheit, einer kindlichen Reinheit. Daß dies als eine »flücht'ge Blüte« wahrgenommen wird, wissen wir nur zu gut. Mayrhofer und Schlegel lebten wie wir in Bedrohung durch »Wellen und Zeiten«. »Im kindlichen Gemüte«, »durch milder Götter Güte«, »zur Schönheit erlesen« können die Widrigkeiten unserer Welt nicht aufgelöst werden. Aber »weil sie im Spiegel neu sich selbst gefunden«, kann die Welt als eine harmonische geschaut werden, und wie im Wasser des schimmernden Flusses spiegelt sich ihr Bild auch im Gesang.

»denn noch ist manches zu singen« ~ Friedrich Hölderlin

Mit diesem Bild einer möglichen Welt wird unsere ewige Aufgabe zugleich unsere Überlebenschance: die Welt kennenzulernen, Unvertrautes vertraut zu machen, zu bewahren und zu erinnern, Verständigung zu schaffen - auf dem bewegten Wasser zu reisen wie in der bewegten Zeit - in menschlicher Solidarität und mit gemeinsamem Ziel. Einen Ariadne-Faden für die »labyrinthische Reise« an den »mäandrischen Windungen des großen Stroms« wünschen wir uns vom Eröffnungsgespräch mit Claudio Magris. »Die Unvorhersehbarkeit des Reisens, das Gewirr, die Verzweigungen der Wege, die Zufälligkeit der Aufenthalte, die Ungewißheit des Abends, die Asymmetrie einer jeden Strecke ...«, wovon Magris schreibt zum Auftakt seiner Reise in den Raum und in die Zeit, haben auch wir erfahren bei der Vorbereitung der fünf Stationen unserer Donaureise, aber auch, daß der Fluß ein alter Tao-Meister sei, »der das Ufer entlang seine Unterweisung über das große Lebensrad und die Zwischenräume in seinen Speichen erteilt.«

Fährboot über die ungarische Donau, Holzschnitt um 1870

groß
Mit Claudio Magris als unserem Cicerone hoffen wir, es lasse sich an der Donau, am europäischsten aller Flüsse entlang, eine Vorstellung vermitteln von dem, wie man »in mehreren Völkern denken« könne. Wir schließen damit an das Projekt EUROPA IM AUFBRUCH - MENSCHEN · METROPOLEN · WANDERUNGEN von 1992/1993 an, nehmen den Gedanken vom Europäischen Liederbuch wieder auf, versuchen uns gleichsam in einer an die Donau verlegten BALLADE VOM FEST, geprägt von Komponisten und Dichtern, die Grenzen überschreiten, Schwellenängste überwinden und vermeintliche kulturelle Distanzen zu Nachbarschaften im Geiste auflösen. Europäische Vielfalt, hieß es damals im Programmheft zum Liederabend DIE BALLADE VOM FEST ODER UNSER EUROPÄISCHES LIEDERBUCH DES JAHRHUNDERTS von Mitsuko Shirai und Hartmut Höll, die europäische Vielfalt sei nicht immer Miteinander und Harmonie, sondern auch Spiegel schmerzlicher, verstörender Erfahrungen. In Liedern und Kammermusik, Gedichten, Essays und Erzählungen versucht die Internationale Hugo-Wolf-Akademie mit ihrem Publikum, einen Blick auf Nachbarschaften und Auseinandersetzungen zu werfen, auf Austausch und Abgrenzung, auf vorgefundene und erkämpfte Gemeinsamkeiten, auf willkürliche und auf notwendige Distanzierungen, auf verschiedene Wurzeln und gemeinsame Geschichte, auf gemeinsame Wurzeln und verschiedene Geschichte.

Unsere fünf Stationen werden sich nicht nur wie in einem Bilderbogen aneinanderreihen. Schon Hölderlins »melodischer Fluß « war von ihm als Entwurf eines großen metaphorischen Bogens gedacht, auf dem er weit nach Osten hinüber auf die Mündung des Flusses in ein mediterranes Meer und wieder zurück zur Quelle schaut, seinem, Hölderlins, und unserem Ausgangspunkt. « Profunde und verborgene Sprache der Götter, Straße, die Europa mit Asien verband, Deutschland mit Griechenland, auf der in mythischen Zeiten die Poesie und das Wort gereist waren, um den Sinn des Seins in das deutsche Abendland zu bringen«, wie Claudio Magris schreibt. »Auf jeder Reise gibt es wenigstens ein Bruchstück des Südens, Stunden der Entspannung, des Vergehens, des Fließens der Wellen. Unbekümmert um die Waisen an ihrem Ufer fließt die Donau ins Meer, der großen Überzeugung zu.«

Donau Donauwellen

hugo - für Menschen mit Ohren.